Tour de Wendland - eine fantastische Rundfahrt irgendwo im nirgendwo…
Geschrieben von Philipp Thiel
Montag, 7. Juli 2008
Am vergangenen Wochenende ist die "Tour de France" gestartet. Doch nicht nur die Rundfahrtspezialisten im Profilager treffen sich alljährlich Anfang Juli. Auch im Jedermann-Bereich gibt es eine kleine, aber feine Rundfahrt. Zum elften Mal wurde am vergangenen Freitag die "Tour de Wendland" im Norden der Republik gestartet. 120 Starter kämpften auf vier Etappen um das "maillot jaune" mit dabei auch eine kleine Abordnung des Teams AGAPEDIA-Münsterland.
In einem Ferienprospekt wird das Wendland mit den Worten "Fernab vom Alltagsstress" umschrieben. Das stimmt. Doch das Wendland ist nicht nur vom Alltagsstress weit entfernt. Es liegt auch fernab jeglicher Autobahnanbindung und so begann die "Tour de Wendland" für uns mit einem 130 Kilometer langen Ritt über Landstrassen bis wir endlich an unserer Unterkunft angekommen waren….
Die Unterkunft
Nach kurzem Durcheinander und kleineren Navi-Schwierigkeiten kamen Helena und ich im Künstlerdorf Schreyahn bei Lüchow an. Jörg hatte sich um eine Ferienwohnung bemüht und ein wirklich gutes Händchen bewiesen. Eine 90 Quadratmeter große, ausgebaute Scheune in Mitten eines Museumsdorfes wartete auf uns. Platz genug für Jörg, Mandy, Nils, Sam, Henri, Helena und meine Wenigkeit. Auf dem Nachbarhaus klapperten die Storche um die Wette, nebenan blökten die Schafe. Kurzum: Idylle pur. Für uns Stadtkinder war diese geballte Ladung Landleben allerdings anfangs etwas ungewohnt ( Zitat: "Wo ist hier denn eigentlich der nächste Lidl?") …
Die erste Etappe - Prolog
Einzig das Wetter hätte besser sein können. Immer wieder fielen teils kräftige Regenschauer. Der Wetterbericht hatte zwar Auflockerungen für den Abend versprochen, aber die ließen auf sich warten und so musste der Prolog um 19 Uhr auf regennasser Strasse stattfinden.
Der Prolog wurde auf einem 3,8 Kilometer lagen Rundkurs ausgefahren. Wäre der Asphalt trocken gewesen, hätte die Strecke keinerlei Schwierigkeiten aufgewiesen. Da sich aber profillose Reifen und Feuchtigkeit nur bedingt vertragen, wurden die Kurven schnell zur Rutschpartie. Jörg, Holm, Henri und ich ließen es ruhig angehen. Große Zeitrückstände waren bei einem so kurzen Zeitfahren sowieso nicht zu erwarten. Einzig Ingo zeigte Risikofreude und wurde mit einer Top 10-Zeit belohnt.
Die zweite Etappe
Am Samstagvormittag wurde die zweite Etappe über rund 80 Kilometer ausgefahren - wieder auf einem nur knapp vier Kilometer langen Rundkurs. Solche Rundkurse sind bei Jedermann-Rennen eher unüblich, im Amateurbereich aber weitverbreitet. Nach wenigen Metern zeigte sich dann auch, dass nicht nur die Strecke an ein Lizenzrennen erinnert. Auch die Fahrweise des Feldes, das Tempo und die Klasse der Fahrer brauchte sich nicht vor dem lizenzierten Radsport zu verstecken. Mit einem Schnitt jenseits der 40 km/h flog das Feld über die engen, teilweise schlechten Strassen (äh, Strässchen). Auf jeder Runde galt es, zwei kurze Steigungen zu bewältigen. Im Training wären diese Wellen gar nicht aufgefallen. Wenn man aber Runde für Runde mit gut 40 km/h darüber fährt, tut's irgendwann weh. Schließlich setzte sich an einer dieser Wellen eine rund 30köpfige Gruppe ab, in der Jörg, Holm und Ingo vertreten waren. Henri und ich folgten in der zweiten, ähnlich großen Gruppe.
Die dritte Etappe
Die dritte Etappe wurde am Samstagnachmittag gestartet. Während der 4stündigen Rennpause galt es zu regenerieren. Ich hatte allerdings mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Nachdem ich schon während des ersten Rennens an diesem Tag immer wieder mit Magenkrämpfen zu kämpfen hatte und diese auch während der "Mittagspause" nicht besser (also eigentlich schlimmer) wurden, hatte ich eigentlich schon mit der Tour abgeschlossen und wollte auf einen Start am Nachmittag verzichten. Aber nach kurzer Unterredung mit der Freundin und den Team-Kollegen ging ich schließlich doch an den Start.
In der Innenstadt von Lüchow galt es, 15 Runden auf einem engen Stadtkurs zu fahren. Vom Start weg raste das Feld wie an einer Perlenschnur aufgereiht durch die Kurven. In der Mitte des Rennens dann eine Schrecksekunde: Ingo stürzte kurz vor mir. Nur 2 Runden später (!) schoss er aber schon wieder weitgehend unversehrt in das Feld zurück und platzierte sich schließlich wieder unter den Top-Fahrern. Während dieser zweiten Etappe gab es keinerlei Verschiebungen im Gesamtklassement. Bis auf wenige Ausnahmen blieben alle Fahrer dicht beisammen. Die Entscheidung musste also am Sonntag beim abschließenden Zeitfahren fallen.
Bevor wir aber Gedanken an das Zeitfahren verschwendeten, wurde der Grill im Garten unseres Ferienhauses angeschmissen. Ein feudales Mahl brachte meinen Magen wieder in geordnete Bahnen und die Anstrengungen von zwei Rennen an einem Tag waren (zumindest kurzfristig) vergessen. Nach dem (bis auf einen zwischenzeitlichen, schlafbedingten Ausfall) gemeinsamen Studium der Profileistungen bei der "großen" Tour war schließlich Regeneration angesagt.
Die vierte Etappe
"Einzelzeitfahren, 20 km, hügelige Streckenführung" - so lautet die Etappenbeschreibung im "Roadbook" der Rundfahrt. Auf dem Weg zum Start wurde noch fleißig darüber gealbert, wo denn bitte in der norddeutschen Ebene die ausgewiesenen Hügel sein sollten. Am Startort in Hitzacker angekommen verstummten die Späße aber. Start und somit auch Ziel befanden sich nämlich auf einem waschechten Berg. Folglich musste zum Schluss ein rund 700 Meter langer Anstieg mit einer Steigung bis 10 % bewältigt werden. Rund 5 Kilometer vor dem Ziel standen sogar 13 % auf dem Programm. Der Rest der Strecke verlief über eine Unmenge an kleinen oder größeren Wellen. Alles in allem: Das Zeitfahren war in der Tat "hügelig".
Ich musste als erster AGAPEDIA-Münsterland-Fahrer auf die Startrampe. Nach einer Abfahrt, auf der fast 80 km/h auf dem Tacho standen, ging es auf besagten hügeligen Kurs. Im Auto hinter mir fuhr Helena (Ja, es waren tatsächlich Begleitfahrzeuge zugelassen!!!). Einen wirklichen Rhythmus konnte ich nicht finden. Außerdem steckten die Belastungen der ersten drei Etappen deutlich merkbar in den Beinen. Trotzdem kam ich schließlich mit einer für meine Verhältnisse guten Zeit und einem Schnitt, der die 40 km/h Marke kratzte, ins Ziel und konnte mich freuen.
Jörg und Ingo überquerten weniger glücklich die Ziellinie. Bei Ingo lief es trotz Aussichten auf einen Podiumsplatz in der Gesamtwertung nicht gut. Nach der Zieldurchfahrt musste er resignierend feststellen: "Das war heute nix!"
Jörg erwischte es noch schlimmer, denn nicht der eigene Körper, sondern das Material machte ihm einen Strich durch die Rechnung: Auf der Startrampe 15 Sekunden vor dem Start verabschiedete sich die Luft aus seinem Scheibenlaufrad. Da konnten nicht mal Mandy und Nachwuchs Nils im Begleitwagen helfen. Das Laufrad musste gewechselt werden. Und da so ein Laufradwechsel Zeit braucht, konnte Jörg erst mit 50 Sekunden Verspätung, ohne Scheibe und mit jeder Menge Wut im Bauch auf die Strecke gehen.
Das Resultat
Holm kämpfte sich mit einem furiosen Zeitfahren am Abschlusstag noch auf Platz 9 in der Gesamtwertung. Ingo landete auf Rang 15, Jörg wurde 34er, Henri 47er und ich 48er. Leider konnten wir weder bei den Tages- noch bei der Gesamtwertung mit einem Podestplatz glänzen. Den glanzvollen Schlussakkord lieferte aber die Teamwertung, denn da reichte es mal wieder für's Podest: Platz 3.
Das Fazit
Die "Tour de Wendland" wird für mich (und ich darf da mit Sicherheit auch für den Rest sprechen) zum fixen Termin werden. Die Veranstalter boten für ein verschwindend geringes Startgeld eine fantastische Organisation, Top-Rennen und einen Service, den man sich bei so manchem teuren Event wünscht. Vielen Dank und bis zum nächsten Jahr!!!
Ein Dank an dieser Stelle auch an Mandy und Helena, die sich wieder einmal perfekt um die Bedürfnisse der Jungs kümmerten!